Werkzeuge im Web: Farfromhomepage
Posted by Opinion Leadership on Samstag, Dezember 17, 2011 · Leave a Comment
Das Tool

Farfromhomepage
“Farfromhomepage” ist ein aktuell in der Betaphase befindliches Tool, welches Nutzern kreatives Browsen ermöglichen soll. Es greift auf bestehende Web-Inhalte zurück, welche während der Content-Betrachtung dynamisch (also “surfbar”) bleiben. Mit recht einfachen Schritten können aus unterschiedlichsten Web-Inhalten neuer Content generiert werden. Wir konnten mit einem der Gründer von Farfromhomepage, Manuel Scheidegger, sprechen und ihn ausführlich zu seinem Tool befragen. Vorab noch ein kleiner Werbespot von Farfromhomepage.
Interview mit Manuel Scheidegger
Opinion Leadership: Herr Scheidegger, Sie haben das Startup “Farfromhomepage” gegründet. Wie kam es dazu?
Manuel Scheidegger: Janosch Asen und ich sind die Gründer und “Erfinder” von Guido. Die Idee geisterte seit einer Weile in unseren Köpfen. Wir hatten uns gefragt, inwiefern das Internet in einer eigenständigen Weise Geschichten zu erzählen vermag. Jedes Medium verändert ja seinen Gegenstand, ein Film erzählt die gleiche Geschichte ganz anders als ein Roman. Dabei fiel uns auf, dass das Web eigentlich eher ein Content-ainer von Geschichten in alten Medien ist: Filme bei Youtube, Bilder bei FlickR, Games in Flashapplikationen. Das Spannende am Web und auch seine Eigenständigkeit liegen doch aber darin, dass jeder Inhalt mit zig anderen Inhalten vernetzt ist und dass im Web viele Medien auf einmal verfügbar sind. Das Web ist transmedial und vernetzt. Plötzlich schien es uns vollkommen absurd, dass wir uns mit dem Browser nur von einem Link zum nächsten klicken. Warum zeigt der Browser nur einen Content an, wenn das Potential des Netzes doch darin besteht, viele Contents über Medien und Inhalte hinweg zusammen zu bringen? Wir realisierten, dass wir eigentlich immer so gesurft hatten: mit mehreren offenen Fenstern. Und dass diese zusammen mehr erzeugen, als in der Summe der einzelnen Inhalte. Da war die Idee geboren: Creative Browsing – Fenster, in denen Inhalte geladen werden, zu inszenieren.
Opinion Leadership: Erklären Sie uns kurz, wie Farfromhomepage funktioniert und welchen Ansatz das Tool verfolgt.
Manuel Scheidegger: Und genau das tut unser Tool. Es kann als erste Software weltweit Inhalte auf Browserebene neu zusammenschneiden und mit Effekten bearbeiten. Statt dass Inhalte nur in Fenstern geladen werden, kann jetzt mit dem Ausschnitt gespielt werden, mit filmischen Effekten wie Blenden und Animationen, mit Zusatztexten, die drüber gelegt werden, etc. Der Clou ist: Es wird immer noch gesurft dabei.
CreativeBrowsing kopiert keine Daten. – Manuel Scheidegger
Jeder Inhalt wird original angesteuert und bleibt für Betrachter voll aktiv. Was da passiert, nennen wir: Meta-Content. Das Tool baut im Grunde genommen eine komplexe Homepage, innerhalb derer vielfach auf andere Contents verlinkt wird. Gleichzeitig steuern wir das Laden dieser Contents sehr exakt aus. Im Grunde genommen erzeugt Guido ein Drehbuch für den Browser, was er wann in welcher Weise anzeigen soll. Darin impliziert ist auch ein neuer Umgang mit der Verwendung von Content anderer Urheber: Mit Creative Browsing wird kein Content kopiert und isoliert. Vielmehr werden alle Contents angesteuert, die Urheber bekommen also normal ihre Page Impression und die URL’s werden für Betrachter in der Leiste unten sichtbar gemacht. Sowohl können Betrachter im Content surfen, wie sie auch über den Klick auf den Link unten den Content in einem neuen Browserfenster öffnen oder bookmarken können.
Es geht uns um eine Posting-Kultur für unsere Zeit: Inhalte nicht einfach nur als Link verschicken oder insgesamt einzeln posten, sondern sie genauso zeigen, wie man will. Und dabei dennoch dem Betrachter die Freiheit lassen, darin weiter zu surfen, und dem Urheber seine Aufmerksamkeit zu bekommen.
Für unser Tool braucht man Zeit und eine Idee. – Manuel Scheidegger
Opinion Leadership: Aktuell befindet sich das Tool in einer Beta-Phase. Bis wann ist mit einem Live-Gang zu rechnen?
Manuel Scheidegger: Im Internet leben wir ja in einer permanenten Beta, sprich: Alles ist in ständiger Weiterentwicklung. Wir sind seit Donnerstag nicht mehr in der ganz geschlossenen Beta. Seit Donnerstag können öffentliche Touren von allen Usern gesehen und geteilt werden. Über Facebook können Touren einzeln kommentiert werden. User, die das Tool auch selbst für eigene Touren (so nennen wir die Resultate) nutzen möchten, tragen sich in eine Liste ein, von der wir regelmässig neue User frei schalten. Es ist uns wichtig, dass wir derzeit noch in “experimental stage” sind. Unser Tool macht etwas ganz Neues, was Browser so noch nicht kennen. Wir kommen ohne Plugin bei allen moderenen Browsern durch, aber natürlich gibt es teilweise noch Fehler oder Unstimmigkeiten oder etwas funktioniert nicht, was wir beheben müssen. Wir sagen deshalb: Ihr probiert hier unsere erste Version aus, die wir als kleines gallisches Dorf im großen Webzirkus allein gestemmt haben, bitte gebt uns viele zweite Chancen für erste Eindrücke!
Opinion Leadership: Wie ist das bisherige Feedback der Nutzer? An welchen Stellschrauben werden Sie bis zum Livegang noch drehen? Mir ist beispielsweise aufgefallen, dass die Ladezeit der “Filme” recht hoch ist.
Manuel Scheidegger: Das Tool findet sehr gute Resonanz: Die User und die Presse sehen darin, eine wichtige Weiterentwicklung der Freiheit, wie man Content verwenden kann. Es gibt so viele sinnvolle Szenarien dazu: Das schnelle Weiterreichen eines bestimmten Ausschnitts eines Artikels oder Videos, die Präsentation einer Reise mit einem Zusammenschnitt aus Bildern, Karten und Webseiten, spannende, transmediale Artikel, Werbung von Produkten und Seiten, in denen sich Kunden direkt bewegen können, Presseschau, die aktuell bleibt, usw.
Aber wir merken auch: Die User müssen sich erst daran gewöhnen. Das Tool ist wie ein Filmschnittprogramm. Es bedarf einer kurzen Einarbeitung. Vor allem braucht man Zeit: Man muss eine Idee haben, was man zeigen will. Man muss sich den Content zurechtlegen, den man präsentieren möchte. Hier merken wir ganz klar, dass es eine kleine Gruppe von Usern gibt, die Vorreiter sind, und die den anderen noch zeigen müssen, wohin die Reise geht. Wir haben ein bisschen das Gefühl, wir hätten so etwas wie ein erstes Auto entwickelt. Viele steigen kurz ein, aber finden die Lenkung der Pferde auf der Droschke doch einfacher. Alle bleiben aber staunend stehen, wenn jemand an ihnen vorbei tuckert - und wollen mitfahren
Und dazu gehört leider auch, dass der Motor noch röhrt. Die Ladezeiten sind wirklich lang (werden aber demnächst kürzer!), weil wir alle Contents, die in einer Tour vorkommen, schon vorher vom Browser laden lassen. Das heisst: Je schneller ein User mit seinem Gerät, seiner Verbindung und seinem Browser unterwegs ist, desto schneller wird das auch gehen!
Opinion Leadership: Sehen Sie Ihr Tool eher in Konkurenz zu Präsentationstools wie Prezi oder soll es sich Ihrer Meinung nach eher zu einer übergreifenden Plattform wie Quora entwickeln?
Manuel Scheidegger: Wir lieben Prezi. Und im Grunde genommen sehen wir jeden anderen Dienst als Bestärkung, dass wir gemeinsam an einer neuen Webnutzung arbeiten. “CreativeBrowsing” hat den Vorteil, dass man in einer nie dagewesenen Weise spielen kann – man kann Contents animieren, ein oder ausblenden, Youtubevideos schneiden oder Soundcloud einfaden. Und: Man kann auf unheimlich viele Contents zugreifen (wir arbeiten natürlich daran, bald noch weitere Video- oder Sound API’s zu integrieren; vorläufig kann man Youtube und SoundCloud mit unserem Tool steuern.
Unsere Nutzer müssen sich erst an das Tool gewöhnen. – Manuel Scheidegger
Ausserdem steckt in der Idee eben jene neue Form des Umgangs mit Urheberrecht, was einer der wichtigsten Unterschiede zu Konkurrenten sein dürfte: CreativeBrowsing kopiert keine Daten und integriert sie in ein neues Format. Jeder Inhalt wird im Browser des Betrachters original angesteuert, seine URL stets angezeigt und der Urheber bekommt seine Page Impression. Insofern wird niemandem etwas weggenommen, alles bleibt transparent. Das scheint uns ganz wichtig am Netz: Das jeder, der was öffentlich reinstellt, eben auch Teil einer kreativen Weiterverlinkung wird. Aber dass es wichtig ist, den Autoren, den Urheber zu respektieren, in dem man zeigt, von wo man welchen Schnipsel geholt hat. Es geht um Aufmerksamkeit für alle. Um Kollaboration. Insofern tatsächlich auch um eine Plattform, eine Schnittstelle der Aufbereitung von Content durch Menschen und nicht Maschinen.
Wir streben eine Monetarisierung über SaaS an. – Manuel Scheidegger
Opinion Leadership: Wie und wann rechnet sich Ihr Business Case? Wieviele Finanzierungsrunden wurden bislang absolviert bzw. stehen an?
Manuel Scheidegger: Wir haben in den letzten zwei Jahren ge-bootstrapped – zugegeben mit ein wenig staatlicher Unterstützung (Exist-Stipendium des BmWi, Förderung durch profund, der Gründungsförderung der Freien Universität Berlin) – und das Programm soweit gebracht, dass es an den Markt kann. Wir sind natürlich auf der Suche nach Finanzierung, um es richtig pushen zu können. Wir suchen derzeit nach dem passenden Investoren, der nicht nur Kapital, sondern auch strategisches Knowhow für einen grossen Markteintritt mitbringt. Wir haben sehr interessante Kontakte, sind aber immer noch “zu haben”. Sollte sich jedoch nichts ergeben, werden wir aber auch so weitermachen. Revolutionen beginnen ja bekanntlich schnell, aber dauern lang, bis sie sich durchsetzen
In den vergangenen Jahren haben wir ge-bootstrapped. – Manuel Scheidegger
Das Geschäftsmodell zielt auf einen Vertrieb einer Premiumlösung, welche die Einbindung der Touren auf der eigenen Webseite ohne Umwege über die Plattform bietet. Das ist für Kunden sehr attraktiv, die mit Creative Browsing auf neue Weise durch ihre Portale und Produktwelt führen wollen. Wir beginnen derzeit, erste Kunden anzusprechen. Vor allem Werbeagenturen sind erste interessierte und interessante Kontakte, weil sie als Enabler für weitere Kunden dienen.
Jenseits des angestrebten SaaS-Vertriebs der Premiumlösung bietet Farfromhomepage eine völlig neue Qualität von Webnutzung: User stellen als Autoren, Webinhalte neu zusammen. Diese Auswahl basiert nicht auf Algorithmen, sondern auf menschlicher Kreativität. Die (natürlich anonyme) Auswertung dieser Daten ist sehr interessant und könnte für Unternehmen und insbesondere auch Such-Services eine große Bereicherung darstellen. Wir planen hier den Aufbau eines weiteren relevanten Monetarisierungsmodells.
Opinion Leadership: Was machen Sie, um das Tool bekannter zu machen? Investieren Sie in Suchmaschinenmarketing oder rechnen Sie damit, dass sich Ihr Tool über soziale Netzwerke verbreitet?
Manuel Scheidegger: Wir führen Interviews. Im Ernst: Unser Marketingbudet ist derzeit beschränkt. Wir setzen darauf, dass sich die Idee verbreitet. Und vor allem rechnen wir damit, dass die guten Touren unserer User sich über das Netz verbreiten werden. Als kreative Marke fokussieren wir uns zudem auch auf Kulturinstitutionen und Kreativbetriebe, sprechen Künstler aus unserem Netzwerk an.
Opinion Leadership: Herr Scheidegger, vielen Dank für das Gespräch.
Manuel Scheidegger: Vielen Dank für Ihre Fragen!
Manuel Scheidegger ist 30 Jahre alt und studierte Philosophie und Szenische Künste in Hildesheim und Berlin. Nach Tätigkeiten als Theaterregisseur und Werbetexter war er Mitbegründer von Farfromhomepage.
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