Interview mit Thomas Gläser von envis precisely
Opinion Leadership: Hallo Thomas, Du hast auf der Decoded Konferenz Science-Fiction User Interfaces gezeigt. Wie kamst du darauf, Dich von Hollywood inspirieren zu lassen?
Thomas Gläser: Das war ehrlich gesagt damals im Studium, als ich an der HfG in Schwäbisch Gmünd als Kommunikationsdesigner mit Schwerpunkt Interaktionsgestaltung von meinem Professor Jörg Beck darauf hingewiesen wurde, dass viele Filme wie z.B. Blade Runner mit Harrison Ford bereits Fiktionen von morgen aufzeigen und wir als Designer uns davon berühren lassen können. Ich wollte mehr zu dem Thema wissen und fand bei meiner Recherche dazu eine schönes Paper von Michael Schmitz (Saarland University), Christoph Endres (DFKI GmbH) und Andreas Butz (University of Munich), die in ihrer Arbeit “A Survey of Human-Computer interaction Design in Science Fiction Movies” technologische Visionen mit der Realität abgleichen. Da wir bei envis precisely in unserer eigenen Arbeit auch oft außerhalb von Serien-Interfaces in die Zukunft schauen und Benutzeroberflächen und -interaktionen konzipieren, die erst in einigen Jahren genutzt werden. Lassen wir uns dabei auch gerne von Science Fiction inspirieren. In meinem Interview für einen WEAVE-Artikel zu dem Thema habe ich mit Mark Coleran (UI-Designer für Hollywood-Filme wie Bourne Identität etc.) darüber geredet und er fand, dass sich Filme mehr von der Realität beeinflussen lassen. Diese Wechselwirkung finde ich einfach spannend.
Technik sollte sich am Nutzer orientieren. – Thomas Gläser
Opinion Leadership: Woran liegt es deiner Meinung nach, dass insbesondere in US Produktionen soviel Wert auf scheinbar perfekte User Interfaces gelegt wird?
Thomas Gläser: Nicht alle User Interfaces sind perfekt. In einem Film muss das UI die Erzählhandlung unterstützen. Ist es ein Held, der ein Interface bedienen muss, dann macht er das heldenhaft- ohne Fehler und mit größtmöglicher Präzision. Meist handelt es dabei noch um komplexe Experten-Interfaces, um das Know-How des Helden zu unterstreichen. Handelt es sich um Looser oder den Feind, der kurz vor dem Scheitern steht, versagt ein User Interface auch gerne einmal und gibt Fehler aus. Doch an uns Filmfans bleiben perfekte User Interfaces natürlich einfacher hängen. Wir erinnern uns lieber an positive Geschehnisse.
Opinion Leadership: Welche Interfaces aus Filmen sind dir besonders im Gedächtnis geblieben und warum?
Thomas Gläser: Eines der meistdiskutiertesten und immer wieder zitierten Interfaces ist das von Minority Report aus dem Jahr 2002, bei welchem Tom Cruise an einer großen, interaktiven Wand mit seinen Händen umherwuselt und Verbrechern auf der Spur ist. Bekannt sind auch die Spracheingabe von Captain Kirk und die holographische Projektionen aus Star Wars. Ich persönlich war am meisten vom Style der Interfaces in Iron Man 2 (2010) fasziniert. Viele Zukunftstechniken wie z.B. Eye-Tracking oder Augmented Reality werden dort in einer sehr ästhetischen Art und Weise aufgezeigt; natürlich alles im Sinne des Helden.
In Filmen kommen gerne Experten-Interfaces vor, die der Held mit höchster Präzision bedienen und der Feind an der Technik wirkungsvoll scheitern kann. – Thomas Gläser
Opinion Leadership: User Interfaces in Filmen müssen nicht funktionieren, sondern nur gut aussehen und die Geschichte unterstützen. Wie können sich Designer zusätzlich hinsichtlich der Funktionalität von IF inspirieren lassen?
Thomas Gläser: Im Prinzip haben beide Arten von UIs dieselbe Philosophie. Technik darf nicht im Vordergrund stehen, sie sollte versteckt sein und sich am Benutzer orientieren und ihn zu jederzeit einfach, schnell und fehlerfrei unterstützen. Die Art und Weise, wie der User in den Vordergrund tritt und bei der Bedienung jegliche technische Anforderungen und Einschränkungen vergisst, ist vorbildlich. So wie bei James Bond: Ein Quantum Trost (2008) der Detective einfach ein Beweismittel auf den Multi-Touch-Tisch legt und dazu Informationen abruft und somit Informationen für die Ermittlung transportiert. Solche Art von intuitiver Funktionalität wünsche ich mir dann im alltäglichen Leben. Der Umgang mit Computern sollte und wird in den nächsten Jahren immer natürlicher werden und die klassischen, grauen Kisten verdrängen.
Opinion Leadership: Wie gehst du an die Entwicklung von User Interfaces heran?
Thomas Gläser: Wir haben bei envis precisely einen Prozess überlegt, der darauf ausgelegt ist, so schnell wie möglich sichtbare und bewertbare Ergebnisse zu haben-sei es bei der Analyse und Recherche oder in der Konzeption. Wir legen immer Wert darauf möglichst schnell Ergebnisse zu produzieren, mit denen wir mit unseren Kunden und den Benutzern reden können. Wir halten nicht viel von endlos lang ausgeschriebenen Functional Requirements, lieber setzen wir uns hin und bereiten die einzelnen User Stories in Wireframe-Abfolgen auf. Gerne überspringen wir auch einmal ein paar Schritte und landen gleich bei einem interaktiven Prototypen, wenn das Projekt eine Entscheidung braucht oder noch einfach Konzepte unklar sind.
Opinion Leadership: Was macht für dich generell ein gutes User Interface aus?
Thomas Gläser: Ein gutes Interface besteht für mich aus mehreren Komponenten. Es ist die Interaktion, die Art und Weise, wie ich etwas mit der Anwendung mache. Die Visualität, also das grafische Erscheinungsbild, welches mich ästhetisch anspricht. Beide Parameter beruhen auf Usability-Kriterien wie Effektivität, Effizienz und Fehlerfreiheit. Ohne eine gute Usability ist die innovativste Interaktionsform oder das schönste Visual Design nichts Wert. Um eine Anwendung jedoch wirklich grandios werden zu lassen und eine richtig gute User Experience zu gewährleisten, muss das Interface die grundlegenden Erwartungshaltungen übertreffen. Es ist wie wenn mir der Kellner in der Bar mein Bier bringt, vorher den Tisch abwischt und sagt: “Bitte Thomas, mit wenig Schaum, wie du es gerne magst.” Das ist etwas besonders und ich behalte es gerne in Erinnerung. Genauso wie mich ein User Interface mit einer neuen Funktion, einer trickreichen Animation oder einer besonderen Bedienungweise positiv überrascht. Das macht auch den Erfolg vieler Apple-Produkte aus.
Opinion Leadership: Thomas, vielen Dank für Deine Zeit und Deine Antworten!
Über Thomas Gäser
Thomas Gläser ist User Experience Designer und Leiter der envis precisely GmbH. envis precisely ist ein Münchner Designstudio, welches sich auf die Konzeption und Gestaltung von intuitiven Software-Benutzeroberflächen und interaktiven Medieninstallationen spezialisiert hat. Nach seiner Zeit in der Abteilung für Anzeige- und Bedienkonzepte bei BMW, gründete Thomas Gläser Anfang 2009 mit Markus Jaritz und Philipp Sackl zusammen envis precisely. Dort ist er seitdem zuständig für die Entwicklung von Interaktionskonzepten und der visuellen Erscheinung von User Interfaces für die unterschiedlichsten Branchen. Thomas Gläser ist desweiteren Autor für das Designmagazin WEAVE und wurde bereits mit dem Bayerischen Staatspreis für Nachwuchsdesigner und einem red dot “best of the Best” ausgezeichnet.

